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Frankfurt. Herr Homburg, welche
Vermutungen
über den Fortgang der Schuldenkrise lässt
der Rückblick in die Geschichte zu?
Stefan
Homburg: Ein Schlüsselerlebnis für mich war der 10. Mai des vergangenen
Jahres. An diesem Tag startete die EZB ihre Aufkäufe von Staatsanleihen
aus der Eurozone. Das war ein Vertrags- und Dammbruch, der stark an
1914 und 1933 erinnerte. In diesen Jahren wurde die Unabhängigkeit der
Reichsbank jeweils eingeschränkt, Stichwort geräuschlose
Kriegsfinanzierung. Von der Monetisierung der Staatsschuld bis zum
Zusammenbruch der Währung vergehen allerdings erfahrungsgemäß einige
Jahre, in den letzten Fällen in Deutschland jeweils rund ein Jahrzehnt.
Gemessen daran bleibt also noch Zeit.
Wie
sieht es mit den verteilungspolitischen Folgen aus?
Um die
verteilungspolitischen Folgen einer Währungsreform abzuschätzen, können
wir ebenfalls auf die damalige Zeit zurückblicken. Nach dem Zweiten
Weltkrieg wollte man Inflationsgewinne Privater, durch die etwa der
Stahlmagnat Hugo Stinnes zu seinem Reichtum gekommen war, vermeiden.
Anleihen waren 1923 wertlos verfallen, Sachwerte hingegen nicht. Ohne
Korrektur hätte es 1948 erneut große Gewinner und große Verlierer
gegeben. Deshalb wurden private Gewinne durch eine Hypotheken- und eine
Kreditgewinnabgabe abgeschöpft: Wer seiner Bank 100000 Reichsmark
geschuldet hatte, schuldete ihr jetzt 10000 Deutsche Mark und dem Staat
weitere 90000 Deutsche Mark, die über Jahrzehnte abzustottern waren.
Darüber hinaus wurden Sachwertbesitzer, also Eigner von schuldenfreien
Immobilien oder Aktien, durch eine Vermögensabgabe von fünfzig Prozent
belastet. Die Erträge dieser Enteignungen, die derzeit politisch schon
wieder im Gespräch sind, flossen in den sogenannten Lastenausgleich.
Sollten
wir vom Ansatz „Schulden bekämpfen durch noch mehr Schulden“ abgehen?
Durch das
Verschieben von Schulden löst man kein Problem. Das gilt für Staaten
ebenso wie für Banken oder Privatleute. Bei der Hypo Real Estate etwa
wurden die Problembestände in eine Bad Bank aussortiert. Irische
Bankschulden wurden zum Staat verschoben. Und derzeit werden
Staatsschulden in die Rettungsschirme verschoben. Aber: Die Schulden
verschwinden ja nicht, sie sind weiterhin existent, und die Situation
wird immer bedenklicher. Insofern haben mich die Beschlüsse des
EU-Gipfels Anfang November, den Rettungsschirm aufzustocken und
außerdem noch zu hebeln, schockiert. Seltsam, dass der Dax stieg und
die Kommentatoren des Lobes voll waren.
Gibt
es eine Alternative zum Weg in die Haftungs- und Transferunion?
Die
EU-Verträge verbieten eindeutig sowohl die gegenseitige Haftung als
auch gegenseitigen Beistand in Krisen. Theoretisch müssten sich die
Staats- und Regierungschefs also nur an geltendes Recht halten. Zum
Sündenfall kam es am 9. Mai vergangenen Jahres, als umfangreiche
Beistandszahlungen beschlossen wurden und die EZB griechische
Staatsanleihen zu kaufen begann. Dann folgten irische, portugiesische,
später spanische und sogar italienische Papiere. Die Kapitalmärkte
trauen dem Hütchenspiel nicht. Das erkennt man an den Anleihen, die der
Rettungsschirm EFSF seit Januar zu begeben versucht. Obwohl die
Anleihen von den Eurostaaten garantiert werden, müssen sie zwei
Prozentpunkte mehr Rendite liefern als vergleichbare Bundesanleihen,
damit die Investoren sie kaufen.
Woran
liegt das?
Der Grund
liegt in einem Tabubruch, nämlich dem rund hälftigen Schuldenschnitt
für Griechenland. Während seit Ende des Zweiten Weltkriegs
westeuropäische Staatsanleihen niemals notleidend wurden und deshalb
als bombensicher galten, hat diese gemeinschaftliche Raubaktion der
europäischen Staats- und Regierungschefs die Investoren verunsichert.
Die Anleger zweifeln nun nicht nur die Bonität anderer Staaten wie
Italien an, sondern sie fragen sich darüber hinaus, was eigentlich
„Garantien“ solcher Staaten wert sind, deren Regierungen vor
Enteignungen nicht zurückschrecken. Die Anleger fragen sich etwa, ob
ein Staat wie Deutschland im Ernstfall tatsächlich mit Hunderten
Milliarden in die Bresche springen würde oder sich nicht vielmehr auf
die Position zurückzöge, weitere Schuldenschnitte seien alternativlos.
Insofern sind die Rettungsschirme Potemkinsche Dörfer.
Wie
bewerten Sie die Rolle der EZB als Monetisierer der Staatsschulden?
In diesem
Punkt schließe ich mich zunächst den Stammtischen an und sage: Die EZB
hat den EU-Vertrag gebrochen und damit ihren Ruf ruiniert. Hinzu kommen
aber zwei weniger bekannte Gesichtspunkte: Erstens hat die EZB gegen
traditionelle Regeln guter Zentralbankpolitik verstoßen, indem sie
minderwertige Sicherheiten akzeptiert, etwa ungedeckte
Schuldverschreibungen zweifelhafter Kreditinstitute oder eben
Staatsanleihen mit Ramschstatus. Durch diese Fehler ist das europäische
Zentralbanksystem korrumpiert.
Und
zweitens?
Zweitens
schwelt in dem Zahlungsverrechnungssystem „Target“ ein Problem noch
viel größeren Kalibers. Dieses System soll transnationale Zahlungen
ausgleichen, es ist aber zu einer riesigen Kreditmaschine degeneriert.
Per Oktober 2011 hat die Bundesbank im Target2 System Forderungen von
nicht weniger als 465 Milliarden Euro aufgebaut, hauptsächlich gegen
europäische Problemstaaten. Die Schulden der Mittelmeerstaaten im
Target2 System sind von ähnlicher Größenordnung, und das ist kein
Zufall. Bei einem Austritt Deutschlands aus der Eurozone wäre ein
erheblicher Teil der 465 Milliarden Euro ausfallgefährdet, weil auch
diese Forderungen zwar formal besichert, die Sicherheiten aber
ungenügend sind.
Welche Zukunft hat der Euro?
Sicher ist:
Meine Beerdigungskosten werden nicht in Euro bezahlt werden. Die
Eurozone hat keine Zukunft. Allerdings bin ich bezüglich des Zeitpunkts
des Zusammenbruchs der Eurozone vorsichtig, denn die geschichtliche
Erfahrung zeigt, dass Regierungen auch das Unvermeidliche oft
beträchtlich hinauszögern können. Die Krise mag sich gut und gern noch
einige Jahre hinziehen, kann aber auch schlagartig kulminieren, weil
politische Prozesse unstetig verlaufen.
Ist
höhere Inflation in der Zukunft unvermeidlich?
Ja. Bisher
hat die EZB Staatsanleihen angekauft und die Geldvergabe an anderer
Stelle abgeschöpft. Aber wenn Italien wackelt, könnte die
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EZB die dann
erforderlichen Anleihekäufe kaum noch sterilisieren.
Und kann sie es
nicht mehr, wachsen unvermeidlich die Geldbasis, die Geldmenge und
schließlich auch die Preise. Derzeit beträgt die Inflationsrate 2,8
Prozent, liegt also deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent.
Eigentlich müsste die EZB die Zinspolitik bereits jetzt verschärfen.
Wartet sie aber, bis eine Inflation von vier oder fünf Prozent erreicht
ist, ist ein Gegensteuern schwierig, weil höhere Zinsen sowohl
Schuldnerstaaten als auch manche Banken in Schwierigkeiten bringen.
Zeigt
das auch die Historie?
Ja. Erinnern
wir uns noch einmal an 1914. Bei Kriegsanfang begann die Monetisierung
der Staatsschuld. Aber bis zur Hyperinflation 1923 dauerte es noch neun
Jahre, und 1920 ging die Geldentwertung zwischenzeitlich sogar zurück.
Man nennt das im Fachjargon Ketchup-Inflation: Erst kommt nichts aus
der Flasche, aber dann ein ganzer Schwall. Ein solches Desaster ist
nicht unvermeidlich, aber mit einer zumindest trabenden Inflation
müssen wir wohl rechnen. In den 70er Jahren erreichten Länder wie USA,
Großbritannien und Italien zweistellige Inflationsraten.
Schulden
sind gleichzeitig Vermögen bei einem anderen. Sind wir deshalb in einer
Vermögenskrise?
Makroökonomisch
entspricht die Summe der Schulden stets der Summe der Geldvermögen, das
stimmt. Bei den Schulden gibt es jedoch unterschiedliche Kategorien:
Unternehmer, die investieren, schaffen mit dem aufgenommenen
Kredit reale Werte und können reale Sicherheiten bieten.
Ähnlich verhält es sich bei Häuslebauern, deren Kredite ebenfalls
dinglich gesichert sind. Staatsschulden werden jedoch in der Regel ohne
Sicherheit aufgenommen und dienen auch nicht investiven Zwecken,
sondern vornehmlich konsumtiven.
Welche
Folgen hat das?
In diesem
Fall steht den Schulden volkswirtschaftlich kein Vermögen gegenüber,
sondern ein Scheinvermögen. Die angelsächsische Literatur spricht vom
„debt supercycle“, der in den 1970er Jahren mit den keynesianischen
Konjunkturprogrammen begann und sich nun langsam seinem bitteren Ende
nähert. Weil Staatschulden ohne dingliche Sicherheit aufgenommen
werden, sind Staaten im Vergleich zu Privaten die gefährlicheren
Schuldner. Das wussten übrigens schon die alten Fugger, die von Fürsten
höhere Zinsen verlangten als von Unternehmern. Nehmen wir als Beispiel
Argentinien, das vor zehn Jahren seine Gläubiger vor die Wahl stellte,
entweder ein Viertel des Geld zurückzubekommen oder gar nichts. Und das
bei einer Schuldenstandsquote von nur 40 Prozent!
Welche
Länder sind die gefährlichsten Schuldner?
Demokratien
sind besonders gefährliche Schuldner, weil sich ihre Regierungen
natürlich fragen, ob sie eher Ärger mit den Gläubigern riskieren
sollten oder eher Ärger mit den Wählern. Schuldenschnitte kommen beim
griechischen Wähler gut an, weil sie harte Sparprogramme erübrigen.
Beim italienischen Wähler kommen Schuldenschnitte vielleicht ebenso gut
an. Hierüber denken die Anleger derzeit verstärkt nach. Je höher der
Anteil ausländischer Gläubiger, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit,
dass sich ein Land für zahlungsunfähig erklärt. Vor diesem Hintergrund
sind Regulierungen wie Solvency II abzulehnen: Mit diesem Regelwerk
werden Versicherungen und Pensionsfonds gezwungen, vorwiegend in
Staatsanleihen zu investieren, also in eine besonders problematische
Assetklasse. Die Regierungen sehen dies natürlich augenzwinkernd, weil
sie sich durch solche Regelwerke eine billige Finanzierungsquelle
erschließen, also unter dem Deckmantel des Konsumentenschutzes in
eigenem Interesse handeln. Aber wie sagt der Versicherungszyniker seit
Menschengedenken: Im Krisenfall sind die mündelsicheren Anlagen als
erste wertlos. Arme Riesterrentner!
Was
kann man einem Anleger unter diesen Voraussetzungen strategisch
empfehlen?
In schwerem
Fahrwasser sollte der Anleger dreierlei beachten. Erstens sollte er
nicht versuchen, klüger zu sein als alle anderen und zum Beispiel
leichtsinnig Immobilien mit hoher Fremdfinanzierung erwerben. Bei den
absehbaren Enteignungen und ähnlich drastischen Maßnahmen kann das ganz
böse ins Auge gehen. Man denke nur an die oben erwähnten
Hypothekengewinn- und Vermögensabgaben; wer nach dem Zweiten Weltkrieg
Immobilien besaß, hatte im Handumdrehen eine Zwangshypothek im
Grundbuch stehen. Amerikaner, die 1933 Gold besaßen, hatten ihr Gold
bei Androhung drakonischer Strafen zum Freundschaftspreis an den Staat
abzuliefern, deshalb ist auch Goldbesitz keine risikofreie Strategie.
Was
noch?
Zweitens und
in Zusammenhang hiermit sollte man sich defensiver aufstellen als
bisher gewohnt, weil niemand absehen kann, aus welcher Richtung die
Gefahren kommen: Inflation, Schuldnerausfall, Enteignungen? Daher ist
drittens eine diversifizierte Anlage, auch wenn das wenig originell
klingen mag, wichtiger denn je. Mit einem blauen Auge werden wohl die
meisten rechnen müssen, aber wenn zumindest das andere Auge intakt
bleibt, ist das alles nicht so schlimm. Wer ganz sicher gehen will,
kann eigentlich nur Europa verlassen.
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